Was ist ein Messie ?
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Verurteile niemanden, bevor Du in seiner Lage warst.
(Aus dem Talmud)
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Messies – Sucht & Zwang
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Die meisten Messies sind äußerlich unauffällig und
nicht vermüllt, wie in den Medien gern zur Schau gestellt wird. Es gibt viele
Messies, die gar kein oder nur wenig äußeres Chaos haben!
Oft stehen oder standen die Betroffenen (viele Akademiker) im beruflichen Leben
in verantwortlicher Position, müssen strukturiert und organisiert arbeiten.
Im Privaten ist die Desorganisation ihr größtes Problem, ausgelöst durch ein
inneres Gefühlschaos und ungelöste Konflikte. Da Verlassenheitspanik und
Trennungsängste eine große Rolle spielen, können Probleme mit dem Horten und
Nicht-Wegwerfen hinzukommen. Messies sind ängstlich und unsicher, es können
zusätzlich Depressionen, Alkoholprobleme, Kaufsucht, Arbeitssucht oder
Ess-Störungen auftreten. Unserer Erfahrung nach handelt es sich bei den
Ursachen um Bindungsstörungen (Messies sind unsicher-vermeidend
gebunden), zu denen im Laufe der Zeit Traumata (u.a. sexueller oder
emotionaler Missbrauch, Überforderung, Vernachlässigung, Ungeliebtsein, nicht
einfühlsame Eltern mit erzieherischer Härte, das Gefühl, nicht angenommen zu
sein) hinzukommen.
Messie – ein Mensch, dessen Alltag von innerem Chaos bestimmt wird.
Manchmal zeigt sich das innere Chaos auch äußerlich in Form von Unordnung,
Durcheinander und Desorganisation.
Betroffene leiden darunter, dass ihre Gedanken immer wieder um die Bewältigung
der einfachsten täglich anfallenden Aufgaben kreisen und sie erleben oft eine
Hoffnungslosigkeit, dieses Problem jemals in den Griff zu bekommen.
Ein Messie empfindet sein Leben als zerrissen, chaotisch, widersprüchlich und in
hohem Maße frustrierend. Große Scham verhindert notwendige soziale
Kontakte und Messies leiden unter der damit verbundenen Ausweglosigkeit. Sie
machen sich für etwas verantwortlich, worüber sie nur wenig Kontrolle haben.
Messies fühlen sich zunehmend überfordert, sind oft reizbar und haben
Schwierigkeiten, sich zu entspannen. Sie leiden unter Konzentrationsstörungen,
haben Denkblockaden und Depressionen sowie Ängste. Sie fühlen sich
physisch und psychisch erschöpft, grübeln viel, haben Selbstzweifel und
sind unsicher.
Messies erleben ihr Selbstwertgefühl als geteilt:
Im Privaten erleben Messies ein Gefühl der Minderwertigkeit. Im Beruf
haben sie ein gutes Pseudo-Selbstwertgefühl. Als Lehrer, Erzieher,
Apotheker, Diplom-Ingenieure, Zahnärzte, Ärzte, Psychologen, Politiker, Manager,
Künstler, u.v.m. sind sie oft perfekter als andere. Sie interessieren sich für
alles Neue.
Oft versuchen Messies, sich extrem anzupassen oder sind überaktiv. Gleichwohl
sind sie energie- und hoffnungslos und leiden an ihrer Lustlosigkeit
und Arbeitsunlust. Messies haben keine eigene Identität und sind
dementsprechend fremdbestimmt.
Messies verurteilen nicht nur ihr Verhalten, sondern sich als Mensch. Sie
haben große Schwierigkeiten, Entscheidungen zu treffen und somit Prioritäten zu
setzen. Messies sind immer auf der Suche nach dem perfekten System.
Finden sie es nicht - und sie finden es nie - geben sie auf. Das totale Chaos
ist Ihnen lieber als eine zweifelhafte Ordnung. Messies werden von ihren
Erwartungen an sich, z.B. dem Perfektionismus, beherrscht, welche sie
auch blockieren und lahm legen können. So werden sie nie fertig, weil sie
sich permanent verzetteln. Sie haben daher nie genug Zeit, vor allem nicht für
sich selbst. Sie sind sich nichts wert und das kann auch zur
Selbstvernachlässigung führen. Vieles, was Anderen leicht fällt, fällt Messies
besonders schwer, z.B. Wegräumen, die Spülmaschine einschalten oder ein Fax
versenden. Messies haben dann das Gefühl „ich habe versagt“. Es folgt
eine Scham, die im Privatleben oft zur sozialen Isolation führt.
Für den Fall der Fälle wird alles aufgehoben und das kann zur Vermüllung führen.
Da der Messie keine Grenzen setzen kann, grenzt er sich unbewusst durch dieses
äußere Chaos ab. Wird dann eine Räumung durch Angehörige oder Ämter
durchgeführt, hat der Betroffene das Gefühl, sein Leben wird weggeworfen. Das
kann dann zum Suizid führen.
Traumata sind u.a. Eltern, die das Kind einschüchtern, lang anhaltende
Enttäuschungen, Missachtung der ICH-Grenzen, Überstimulierung. Dieses,
gepaart mit der Unfähigkeit oder dem Verbot, darüber zu sprechen oder sich
zur Wehr zu setzen, sind wesentliche Verdrängungsmotoren und können
zu krankhaften Entwicklungen führen. Messies sind nicht zwangskrank,
können aber aus Angst und Unsicherheit heraus Zwänge entwickeln. Messies
sind innerlich erstarrt und haben ihr Gefühl von Ihrem Erleben abgespalten.
Sie nehmen ihre eigenen Grenzen nicht wahr und erkennen somit auch nicht die
Grenzen Anderer. Die Betroffenen akzeptieren sich selber nicht. Sie können Lob
durch andere Menschen nicht annehmen, werden misstrauisch und fühlen sich
„verschaukelt“.
Das Messie-Syndrom ist leider auch vielen Fachleuten unbekannt oder fremd.
Verhaltenstherapie oder Zwangsräumungen führen nicht zum gewünschten Erfolg,
sondern verschlimmern den Zustand eher.
Zugang zu der Gedankenwelt der Messies finden nur Menschen, die dieses Phänomen
an sich selber erlebt haben. Daher sind die Selbsthilfegruppen, die regionalen
Arbeitstagungen und bundesweiten Fachtagungen eine gute Hilfe. In den
Selbsthilfegruppen arbeiten wir an der Bewusstmachung der eigenen verschütteten
Gefühle, an den Konflikten und den damit verbundenen Vermeidungshaltungen. Es
wird nicht über das Aufräumen gesprochen. Eine gut funktionierende
Selbsthilfegruppe kann das Gefühl der Geborgenheit, die bedingungslose
Anerkennung und soziale Kontakte vermitteln.
Eben das, was in der Kindheit der Betroffenen fehlte.
Folgende Merkmale sind typisch für Messies:
Sie lassen Niemanden in ihre Wohnung.
Sie horten z.B. Zeitungen und Zeitschriften.
Sie können sich fast von Nichts trennen.
Sie suchen ständig verlegte Sachen, z.B. Schlüssel, Rechnungen, Kreditkarten,
u.s.w..
Sie laufen ständig Ihren Terminen hinterher.
Sie haben oft Schwierigkeiten, eine Arbeit zu beenden.
Sie versuchen ständig, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun.
Sie fühlen sich über einen langen Zeitraum
blockiert und gelähmt.
Sie bleiben vorgefassten Ideen verhaftet.
Sie sind in einmal gelernten Gedanken und Reaktionen festgefahren.
Sie kennen keinen Anfang und kein Ende.
Dieser Zustand treibt sie zur Verzweiflung und/oder in die Isolation.
Denkhaltungen eines Messies:
Ich muss perfekt sein.
Ich kann mich nicht durchsetzen.
Ich bin nicht in Ordnung, kann nichts, bin nichts wert.
Ich kann mich gegen Konflikte nicht wehren.
Ich bin sensibel und übernehme darum die Verantwortung für Probleme anderer.
Ich kann die Gefühle anderer (Partner, Kinder) durch mein Verhalten steuern.
Es ist schrecklich, wenn Andere erkennen, wie ich wirklich bin.
Grundvoraussetzungen für Hilfe sind:
Betroffene müssen sich selbst als Messie erkennen
die innere Bereitschaft der Messies, ihr unter harten Bedingungen
erlerntes
Verhalten zu ändern und Hilfe anzunehmen.
vor allem Verständnis und Akzeptanz durch die Gesellschaft mit anderen
Menschen mit gleichen Problemen. Eine Selbsthilfegruppe kann das sehr
gut
vermitteln.
ein liebevoller Freund, der gut zuhört und nicht bewertet, der
Lösungen
aufzeigt und realisieren hilft. Dieser soll jedoch keine überhöhten
Anforderungen stellen, Lehrmeister spielen oder Erfolgszensuren
vergeben.
eine begleitende Behandlung in Form einer speziellen Psychotherapie,
in der
an den irrationalen – nicht hilfreichen – selbstschädigenden Gedanken
gearbeitet wird, eine/n Therapeutin/en, die/der sich mit der
Bindungstheorie
auskennt.
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www.messie-syndrom.de